Schneller intim im Net

Bisher sind Psychologen davon ausgegangen, dass im Internet die normalen menschlichen Verhaltensweisen verfälscht werden - ein Irrtum!

Frauen und Männer sind in der virtuellen Welt dieselben wie im realen Leben. Anders ist eigentlich nur, dass die Chatter und E-Mail-Freunde in der Anonymität des Internets schneller Intimitäten austauschen. Und öfter lügen. Glaubt man der Wissenschaftlerin, die die Ergebnisse ihrer Studie auf der Jahreskonferenz der British Psychological Society vorstellte, so zeigen Männer und Frauen im Online-Dialog die gleichen geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster, die auch im "Offline-Verhalten" zu beobachten sind. Männer verlieren demnach auch im Chat-Room oder der E-Mail-Korrespondenz nicht ihre typisch männlichen Verhaltensmuster: Ihren sozialen und wirtschaftlichen Status, sei er nun wahrheitsgetreu oder erfunden, geben sie gerne umgehend preis. Frauen sind hingegen hilfsbereit, bauen den Gesprächspartner auf und erteilen Ratschläge.


Verrückt: Anonymität schafft Vertrauen


Wer glaubt, die Anonymität des Internets würde Menschen davon abhalten, sich näher zu kommen, irrt. Genau das Gegenteil ist der Fall: Gerade aufgrund der Anonymität vertrauen sich die Menschen im Internet oft schneller intime Details an. Dadurch entstehe eine Privatsphäre, die der in realen Beziehungen schon sehr nahe kommt, behauptet Whitty. Dies bestätigten auch die Forschungsergebnisse der Soziologin Andrea Baker von der Universität Ohio. Baker hatte 1998 eine Studie zu Beziehungen, bei der sich das Paar im Internet erstmals "begegnet" war, durchgeführt. "Ich habe den Eindruck, dass die Grundlage dieser Beziehungen besser und tiefer ist als bei vielen Begegnungen im realen Leben", sagte die Soziologin.


Suler glaubt, die Möglichkeit, völlig anonym über das Internet Kontakte zu knüpfen und zu flirten, könne sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Psyche haben. Auf der einen Seite erlaube das Netz große Offenheit, Ehrlichkeit und die Möglichkeit, Unsicherheiten bezüglich der äußeren Erscheinung zu überwinden. Gleichzeitig kann dieser enthemmende Effekt auch zu Aggressivität führen und den Betreffenden dazu verleiten, unsozial zu werden und sich von der Realität zu entfremden. Persönliche Daten sollten User daher keinesfalls arglos preisgeben, zumal nicht alle Chatter und E-Mail-Kontakt-Suchenden mit redlichen Absichten surfen.


Emoticons ersetzen Mimik und Körpersprache


Bisher dachten Psychologen, dass Beziehungen und Flirts im Internet weniger erfüllend seien, als reale. Sie führten dies auf den Mangel an Kommunikation durch Körpersprache zurück. Anscheinend ersetzen die so genannten Emoticons, die bestimmte körperliche Reaktionen wie lächeln :-) oder Traurigkeit :-( darstellen, die Körpersprache aber relativ gut. Manche Menschen, so John Suler, ein Experte der "Online-Psychologie", ziehen sogar die E-Mail-Kommunikation der direkten Konversation vor. Dies liege daran, dass die Konversation per E-Mail dem Kommunizierenden Zeit zum Verfassen und Überdenken seiner Nachricht gebe. "Erfahrene E-Mailer", so Suler, "haben eine Anzahl von Techniken entwickelt, um den Verlust der Körpersprache wettzumachen." Dazu gehören nicht nur Emoticons, sondern auch die gezielte Anwendung von Groß- und Kleinschreibung sowie Satzzeichen.

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