Die Toystory

Nervös ging er vor dem Laden auf und ab. Immer wieder sah er sich nach bekannten Gesichtern um, während er an seiner Zigarette zog. Da nahm er allen Mut zusammen, öffnete die Tür und ging hinein. Irrtum, es handelt sich hierbei nicht um einen geplanten Überfall – nein, unser Mann möchte lediglich einen Sexshop betreten.
Als „Täter“ nahmen wir deshalb einen Mann, weil Frauen ein noch komplizierteres Verhältnis zu diesem Thema haben. Aber nicht, weil es der Einzelne so will, sondern weil der Großteil der Gesellschaft noch immer etwas Unanständiges und Anrüchiges dahinter vermutet. Natürlich tun wir nie etwas „Unanständiges“, nie hätten wir vor der Ehe Sex. Wenn Sex, dann nur in der Missionarsstellung – und außerdem ist die Erde eine Scheibe!


Bei welchem Thema wird wohl mehr geschummelt, als beim Sex und allem, was dazu gehört? Aber wenn doch alle Menschen erotische Kontakte nach der Bibel pflegen – wer geht dann in Bordelle, leiht die Pornofilme aus, für wen sind Kondome und wer kauft dieses Magazin?
Zurück zu unserem Mann – nennen wir ihn Peter. Peter hatte schon einige Erfahrung mit Erotikshops, trotzdem war er jedes Mal genauso nervös wie beim ersten Mal. Außerdem war er in der Vergangenheit nicht besonders erfolgreich in der Auswahl seiner Sextoys. Vor Jahren, als Nina seine Freundin war, dachte er, dass wohl Liebeskugeln ein tolles Geschenk zum ersten Jahrestag sein könnten. Keine schlechte Idee – hatten sie doch beide beschlossen, sie einmal auszuprobieren.


Peter, der ewige Student, immer mit einem Minus am Konto, hatte also Premiere im Sexshop. Nach genau fünf Minuten waren die Liebeskugeln sein. Doch da sein Budget beschränkt war, kaufte er natürlich nicht die teuren Stücke aus hautverträglichem Material, ohne Klebekanten und mit reißsicherem Rückholband, sondern… Und genau dieses „sondern“ wurde Nina zum Verhängnis. Nina bekam einen bösen Scheidenpilz und Schürfwunden (innenseitig), aber zum Glück war sie jetzt wenigstens immer erregt, weil nämlich das Band riss, die Kugeln drinnen blieben und nur vom Arzt und nicht von Peter entfernt werden konnten.
Egal – sie war ohnehin nicht die richtige Frau für ihn! Bei seiner zweiten Freundin setzte er – aus Schaden klug geworden – auf Qualität. Ein überdimensionaler, lebensechter, geprüfter, hautverträglicher, batteriebetriebener, wasserresistenter Vibrator. Diesmal hätte das Spielzeug ja gestimmt – doch der Zeitpunkt war der Falsche. Sabine feierte nämlich ihren zwanzigsten Geburtstag. Die Familie war zum Feiern eingeladen und es gab Marzipantorte mit Kerzen von Omi – na, die schauten alle, als Bine ihren 30 cm Luxusfips auspackte. Auch der Versuch der rot angelaufenen Bine, das tolle Ding als Mixstab auszugeben, schlug fehl – waren die Formen doch klar zu erkennen – ein echtes Qualitätsprodukt eben. Den traurigen Rest ersparen wir Ihnen lieber! Besser wir reden von Versuch Nummer 3.


Peter hatte Geld, seine Freundin war 23 (Geburtstag weit entfernt), er kannte Rita gerade mal zwei Wochen und da sie gerne schwarze Lederstiefel und Nietengürtel trug und gleich am ersten Tag mit ihm ins Bett ging, wollte unser Peter natürlich nicht langweilig und prüde wirken. Also auf in den Sexshop und etwas Ausgefallenes suchen. Wer sucht, der findet! Ein original Latexleintuch in rot und als Draufgabe noch einen Ledertanga für ihn und Kettenfesseln für sie. Lieb gemeint, doch als Rita am Abend das Schlafzimmer betrat und Peter Ketten schwingend im Ledertanga auf dem roten Latexleintuch knien sah, war ihr das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie drehte sich samt Nietengürtel auf dem Absatz ihrer schwarzen Lederstiefel um und ward nie wieder gesehen.
Mit den Kettenfesseln schützt Peter heute sein Fahrrad gegen Diebstahl, das Latexleintuch liegt bei Oma im Schrebergarten als Tischdecke (Sie hat sich sehr gefreut!) und der Tanga – der vegetiert in der Wäschelade dahin. Heute – Jahre später, ist Peter mit Monika verheiratet. Sie verstehen sich blendend, haben guten Sex, reden viel und gehen immer mal wieder zusammen in verschiedene Erotikshops.


Dort suchen sie dann gemeinsam nach neuen, aufregenden Dingen, die sie ausprobieren wollen. Manchmal geht Peter auch allein, um Monika mit etwas Schönem zu überraschen – aber er weiß ja auch inzwischen, was sie gern mag. Und was lernen wir daraus? Gleich was andere sagen, denken oder welche Moralvorstellungen sie auch haben – tun was Spass macht, aber dabei bitte kein Peter sein!